Lernen, minimalistisch

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle ja ein Vegan for fit – Fazit ziehen, aber irgendwie passt das gerade nicht so für mich, dafür hat mich dieses Thema heute nicht losgelassen:

Der erster Punkt meines „Projekt 5 in 5“ sind meine Studien, genauer gesagt mein Staatsexamen in Philosophie/Ethik. Da  mein Hauptmotiv wirklich Interesse bzw. der Ansporn war, mich mit der Thematik vertieft zu beschäftigen, habe ich in den letzen Monaten durchaus einiges zu dem Thema gelesen, was sehr spannend war, aber mit zunehmender Nähe der Prüfung (knapp drei Wochen) muss ich jetzt auf jeden Fall gezielter vorgehen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich eigentlich eine recht minimalistische Prüfungsroutine habe, die mir schon öfter geholfen hat, mich in wirklich kurzer Zeit erfolgreich vorzubereiten. Meine Erfahrung beruht zwar vor allem auf dem Bereich der Geisteswissenschaften, viele Erkenntnisse sind jedoch adaptiert auf (fast) alle Fachbereiche übertragbar.

Der erste (und wichtigste) Schritt – Überblick verschaffen

Dazu bieten (bei studienbezogenen Prüfungen) häufig die Internetseiten der Lehrstühle/Fachschaften (auch anderer Unis) viele wichtige Informationen, bei Ausbildungsberufen z.B. Industrie- und Handelskammern. Außerdem gibt es auch (meist fachspezifische) Prüfungsliteratur wie z.B. die  Trainer für die Aufnahmeprüfung bei der Polizei.

Ich informiere mich immer über:

  • die Prüfungsmodalitäten: schriftlich/mündlich, Essay/Prüfungsfragen/Multiple-Choice/verschiedene Aufgaben zur Auswahl
  • die Prüfungsordnung/die geforderten Inhalten
  • und ganz wichtig: ich versuche, alte Prüfungsaufgaben zu bekommen (beim bayrischen Staatsexamen bekommt man die meist beimPrüfungsamt). Dann sieht man nicht nur, wie die Aufgaben konzipiert sind, sondern auch, was drankommt

=> Ich schreibe mir meist stichpunktartig die Fragen, die in den letzten Jahren dran waren, auf und „clustere“ sie, d.h. ich ordne sie thematisch. Dabei zeigen sich schnell bestimmte Schwerpunkte, Themen, die immer wieder drankommen

Hier ein kleines Beispiel für die Themen der schriftlichen Prüfung im Teilfach „Angewandte Ethik“ (4-stündiger Essay, 1 Thema aus 2 zur Auswahl; hier die Prüfungsaufgaben 2007-2009)

  • Begriff der menschlichen Person (F2008)
  • Stammzellen (H2008, H2009)/ Klonen (H 2007)/ Rechtsstatus menschlicher Embryonen (F2009)/“Optimierung“ der Nachkommen durch Gentechnik (F2009)
  • Sterbehilfe (F2008)
  • Werten bei Film/Fernsehen (H2008,SP Jugendliche), Probleme einer medienbestimmten Gesellschaft (H2007), Einfluss der Medien auf die Politik (F2009), Gewalt in den Medien (H2009)
  • Digital Divide (F2007)
  • Gerechtigkeit bei Löhnen und Preisen (H2008)
  • Recht des Stärkeren in der Marktwirtschaft (F2008), Moral und Eigeninteresse in der Wirtschaftsethik (F2007), Anforderungen an Wirtschafts- und Unternehmensethik
  • Umweltschutz (F2007, H2009), Würde des Tieres (F2009)

Man sieht hier gleich ganz deutlich, dass bestimmte Themenkomplexe (Gentechnik, Medien-Gesellschaft) mit großer Wahrscheinlichkeit in irgendeiner Form auftauchen, andere, in der Prüfungsordnung angeführte Komplexe tauchen dagegen allenfalls sporadisch auf.

In einer idealen Welt könnte ich mich vielleicht auf jedes Thema umfassend vorbereiten, in meiner Realität mit Arbeit, Privatleben und den tausend kleinen Dingen, die Alltag heißen, geht das nun mal nicht. Daher nehme ich diese Aufstellungen als Ausgangspunkt für meinen Lernplan.

Dieser umfasst

  •  Zuerst einen groben Überblick über die Thematik (in dem Fall angewandte Ethik)anhand eines einschlägigen Fachbuchs
  • Vertieftes Wissen in den Themenbereichen, die Pareto als die „20 Prozent“ bezeichnen würde, die sich also in 80 Prozent der Fragestellungen in irgendeiner Form wiederfinden.

Diese Vorgehensweise braucht natürlich auch eine gewisse Zeit (je nach Zugänglichkeit der Materialien einige Stunden), Zeit, die sich meiner Meinung nach aber unbedingt auszahlt, weil  ich dadurch wesentlich effektiver lerne.

Das Lernen

Beim eigentlichen Lernen arbeite ich am liebsten mit Kopien,  denn ich verwende am liebsten mehrere Lesestrategien gleichzeitig.

  1. Beim ersten Durchlesen das Wichtigste markieren.
  2. Beim zweiten Durchlesen (meist nach einem Kapitel/ Sinnzusammenhang) Stichpunkte am Rand notieren bzw. kleine Skizzen anfertigen um z.B. Zusammenhänge zu verdeutlichen.
  3. Diese sind bereits eine gute Grundlage für mein Exzerpt, bei dem für mich der Grundsatz gilt „so wenig wie möglich“! Deswegen sind für mich auch die Notizen beim zweiten Durchlesen unverzichtbar, zeigen sie doch schnell Redundanzen auf. Außerdem habe ich zu diesem Zeitpunkt die Texte ja bereits dreimal gelesen, so dass mir z.T. auch nur ein Stichwort zu einem Thema reicht => Faustregel ist für mich, 100 Seiten (gedruckt) auf etwa 4 Seiten (handgeschrieben) zu minimieren (natürlich mit Abweichungen, abhängig von Informationsdichte etc.)
  4. Arbeite ich mit verschiedenen Texten zu einem Thema, füge ich diese anschließend in Form eines Mindmaps zusammen (meist mit verschiedenen Farben, die sich auf die unterschiedlichen Texte beziehen).

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Weder die Exzerpte noch die Mindmaps fertige ich gerne am Computer/iPad an, das geht aber natürlich genauso/eröffnet oft noch bessere Möglichkeiten. Für mich ist es so jedoch einfacher und auch praktikabler.

5. Die allerwichtigsten Informationen kommen anschließend noch auf Karteikarten, auch hier am besten nur noch Stichpunkte, zu denen mein Gehirn dann im Idealfall die weiteren Informationen abspielt. Diese kommen dann in die Handtasche, so dass ich auch kurze Wartezeiten nutzen kann.

6. Nicht immer, aber manchmal, nehme ich ausgehend von den Karteikarten dann kleine „Podcasts“ auf –  ich bin zwar eigentlich kein auditiver Lerntyp, aber erstens hilft es mir schon beim Erstellen durch das Neuformulieren (v.a. wenn ich wie jetzt wenige Austauschmöglichkeiten habe), außerdem kann ich es dann mit Dingen wie einkaufen oder spazierengehen kombinieren.

Wahrscheinlich fragen sich viele jetzt: Das macht sie alles??? Das ist doch furchtbar kompliziert? Wie soll das minimalistisch sein? Außerdem: Sie schreibt ja ganz schön viel, was sie macht, um das Lernen vorzubereiten, aber wann LERNT sie denn nun wirklich?

Ich finde aber doch! Denn was hier NICHT auftaucht ist, was ich NICHT tue:

Ich lerne NICHT irgendetwas um danach festzustellen, dass ich das gar nicht oder nur im absoluten Ausnahmefall brauche (wobei auch nichtzielgerichtetes Lernen natürlich seinen Reiz hat, aber eben nicht 5 Tage vor der Prüfung).

Ich sitze NICHT verzweifelt vor einem riesigen Berg und weiss nicht, wo ich anfangen soll.

Ich verzettele mich NICHT in zahlreichen Details und verliere dabei den Überblick.

Ich starre NICHT stundenlang auf mein Buch und gehe davon aus, dass so das Wissen in meinen Kopf wandert.

Im Gegenteil:

  • Ich gehe geplant und strukturiert vor.
  • Ich habe verschiedene abwechslungsreiche Tätigkeiten, die ich je nach Verfassung kombinieren kann (anspruchslose Texte lesen geht abends nach der Arbeit nicht immer, Karteikärtchen schreiben z.B. schon eher) und auch oft in kleinen Zeiteinheiten erledigen kann
  • Ich versuche gezielt, das zu Lernende aktiv zu erarbeiten indem ich es immer wieder neu organisiere, reduziere und strukturiere und Zusammenhänge herstelle.

=>  Meist ist es danach tatsächlich so, dass ich durch das mehrfache Wiederholen wirklich schon so viel gelernt habe, dass ich die Karteikärtchen  (etwa 10 pro Thema) vielleicht noch 2-3 durchlesen muss und dann „sitzt“ es

  • Wirklich gezählt habe ich es noch nicht, ich würde jedoch sagen, dass ich mit dieser Methode für eine Staatsexamensprüfung wie oben beschrieben (4-5 stündiger Essay, Geisteswissenschaften) pro schriftlicher Einzelprüfung (pro Staatsexamen Lehramt sind es in Bayern 2-4, soweit ich weiss) je nach Vorwissen 10-20 Stunden gezielte Lernzeit aufwende.

Wie gehst du beim Lernen vor? Hast du (minimalistische) Tricks, die dir die Arbeit erleichtern?

 

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6 Antworten zu Lernen, minimalistisch

  1. Pingback: Woche 4 – Unsere Netzhighlights | Apfelmädchen & sadfsh

  2. rage schreibt:

    Ich bin erstaunt! Meine LernTechniken sehen sehr, sehr ähnlich aus. Zu den PodCasts bin ich bislang nie gekommen. Aber dieses Sichten – Lesen – Anstreichen – Lesen – Rausschreiben – Lesen – Mindmapping – KarteiKarten Verfassen, die man dann auch überall dabei haben kann, kenne ich noch sehr gut. Kann es nur empfehlen. Ich hab mir manchmal noch in meinen Exzerpten die Stichworte angestrichen, bevor sie auf gesagt und in mindmap übertragen wurden.

    Wünsche dir im Übrigen viel Erfolg bei deinen Prüfungen!

  3. Inka schreibt:

    @Apfelmädchen: Danke fürs Verlinken!
    @Rage: Lustig, dass wir eine ähliche Routine haben. Podcasts mache ich zugegebenermaßen auch nur selten, aber da ich nächste Woche ja im Urlaub/Wandern bin, passt das diesmal perfekt 🙂 Stichworte markiere ich mir übrigens auch farbig 😉

  4. Tobias schreibt:

    Hallo, vielleicht noch ein Tipp zu den Karteikarten.
    Schau Dir bitte mal diesen Vortrag http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=6B7-OfLOgPI von Vera F Birkenbihl an , sie hat sich zig Jahre mit dem Thema „Gehirngerechtes Lernen“ beschäftigt … und erklärt hier und in Ihren Büchern seit Jahren warum das „Pauken“ = Karteikarten Zeitverschwendung ist. 🙂

  5. Inka schreibt:

    Danke,Tobias! Ich kenne auch einige der Arbeiten von Vera Birkenbihl und setzte sie z.B. auch in der Schule ein, für mich funktionieren die Karteikarten als „Anker“ aber trotzdem gut (d.h. im idealfall spult sich zu den dort stehenden Begriffen dann bereits ein Film in meinem Kopf ab).

  6. Pingback: Evernote, iAnnotate and cloud drives – perfect combination for academic work | Martin Döpel

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